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Die Weite suchen - Mit dem Rad zu
Schleswig-Holsteins Küsten

Ein Erlebnisbericht von Christiane Polus

Hamburg ist eine tolle Stadt, keine Frage. Doch manchmal möchte ich das Weite suchen und in die Ferne schauen statt bis zur nächsten Häuserzeile. Nichts soll mehr den Blick verstellen. Sehen, so weit unsere Augen reichen - das ist das Ziel der Fahrradtour, die mich gemeinsam mit einer Freundin durch die weiten Landschaften des nahen Schleswig-Holsteins führt.


Vorbereitungen für unsere Radtour brauchen wir fast keine zu treffen. Das Nötigste verstauen wir in unseren Fahrradtaschen, dann radeln wir zur nächsten S-Bahn-Haltestelle. Wedel heißt der kleine Zielbahnhof vor Hamburgs Toren. Das klingt nicht gerade nach großer weiter Welt – weiter als in Hamburgs Straßen wird der Blick hier jedoch allemal. Auf der breiten, von frühlingsfrischem Grün gesäumten Unterelbe ziehen dicke Pötte behäbig vorüber und verdecken für einen Moment den Horizont.

Ein Stück begleiten wir sie auf ihrer Reise Richtung Nordsee, während wir am Yachthafen vorbei den Elberadweg entlang fahren. Dieser Fernradwanderweg, der an der Elbquelle im tschechischen Riesengebirge beginnt, führt auf einer Strecke von mehr als 100 Kilometern durch Schleswig-Holstein. Wir folgen einfach seiner Beschilderung und genießen es, nicht auf die Karte schauen zu müssen.

Schafe vor Flusslandschaft

Schon wenige Kilometer hinter Hamburgs Stadtgrenze fühlen wir uns wie in einer anderen Welt. Statt Gebäuden verstellen in dem weiten Marschland höchstens grasgrüne Deiche und weiße Schafe den Blick. Kurz hinter Glückstadt verlassen wir das maritime Flair der Unterelbe, um nun dem mäandrierenden Lauf ihres Nebenflusses Stör zu folgen. Unterwegs begegnen uns immer wieder fröhliche Paddler, bis wir etliche Flusswindungen später nach Itzehoe gelangen.

Bei aller Begeisterung für die Historie einer der ältesten Städte Schleswig-Holsteins und ihre Sehenswürdigkeiten: Morgen lassen wir die geplante Stadtführung sausen und mieten uns ein Kanu. Zu verlockend war der Anblick der grünen Flusslandschaft, der sich vom Fahrrad aus bot. Da die Stör von der Tide beeinflusst wird, kann man mit der Flut den Strom hinauf- und bei Ebbe hinabfahren. Und so greifen wir mal zum Paddel, mal lassen wir uns einfach durch die wunderschönen Störauen und den sonnigen Frühlingstag treiben.


Segeltörn mit der Draisine

Tags darauf geht es nach St. Michaelisdonn. Hier möchten wir beide nur das eine: mit der Fahrrad-Draisine nach Marne fahren. Etwa acht Kilometer lang ist die Draisinenstrecke, auf der einst die Wagen der Marschbahn Zuckerrüben transportierten. Heute kommen auf den Gleisen bis zu vier Personen pro Draisine in Fahrt. Vor allem bei guten Windverhältnissen, denn dann kann man sich mithilfe eines Stecksegels durch die flache Marsch pusten lassen. Schnell legen wir ein rasantes Tempo vor und nehmen in unserem Geschwindigkeitsrausch kaum die offene Landschaft wahr.

Das holen wir nach, als wir wieder auf dem Fahrradsattel sitzen und ganz ohne Gleisführung Richtung Nordseeküste strampeln – im Schneckentempo, wie uns scheint. Abgesehen von ein paar zerzausten Windflüchtern, vereinzelten Bauernhöfen und einer stattlichen Anzahl rotierender Windkraftwerke scheinen im flachen Dithmarschen vor allem wir dem unermüdlichen Seewind eine perfekte Angriffsfläche zu bieten. Dafür trägt uns der Wind aromatischen Meeresduft entgegen, und unsere Augen können so weit schauen wie lange nicht.

Krabben, Küsse, Heuler

In Friedrichskoog feiern wir unsere Ankunft mit einer großen Portion fangfrischer Krabben. Die gibt es im beschaulichen Hafen direkt von Bord eines der zahlreichen Krabbenkutter. Nach fleißigem Pulen und purem Genuss wollen wir nun endlich über die Nordsee bis zu jener entfernten Stelle blicken, wo Himmel und Meer sich küssen. Für dieses Schauspiel laufen wir bis zum Ende des Trischendamms, der gut zwei Kilometer in die Nordsee hineinragt.

Näher kann man dem fernen Horizont nicht kommen! Bevor wir uns anschließend aufmachen zur Seehundstation, erklimmen wir die Trischenbake. Von ihrer siebzehn Meter hohen Plattform genießen wir die Aussicht über das Wattenmeer und das platte Binnenland. In der Seehundstation gibt es nicht nur possierliche Robben zu beobachten, sondern man erfährt auch eine Menge über deren Lebensweise. Verlassen aufgefundene Heuler werden hier aufgepäppelt, bis sie in einem großen Auswilderungsbecken und schließlich allein in der Freiheit zurechtkommen.


Königliches Wasservergnügen

Noch ein paar Tage genießen wir die endlose Weite der Dithmarscher Landschaft. In köstlicher Seeluft radeln wir mit Blick auf die Nordsee und betörend riechende gelbe Rapsfelder über die Deiche und in den so genannten Kögen, dem Meer mittels Eindeichung abgerungenen Landflächen. Dann machen wir uns mit Bahn und Rad auf Richtung Flensburg - schließlich wollen wir auch an der Ostseeküste den Weitblick erproben. Die gegenüberliegende dänische Küste vor Augen, fahren wir die Flensburger Förde entlang.

Auf dem Ostseeküsten-Radweg erreichen wir Glücksburg, das vor gut 150 Jahren die bevorzugte Sommerresidenz des dänischen Königs war. Wir schlendern über die belebte Strandpromenade zum Schiffsanleger. Von hier stechen wir mit einem Ausflugsdampfer in See, bewundern das malerische deutsch-dänische Küstenpanorama, die winzigen Ochseninseln und die Steilküste der Halbinsel Holnis.

Die Förde ist gespickt mit weißen Segeln zahlreicher Yachten. Auch einige Surfer sind unterwegs und flitzen durch Wind und Wellen an uns vorüber. Vom Schiff aus nicht zu erkennen ist das hinter einem Buchenwald verborgene Glücksburger Wasserschloss, das als „Wiege europäischer Königshäuser“ gilt.

Strandwanderung durch die Erdgeschichte

Aufs Rad hätten sich die Adligen von einst wohl kaum geschwungen. Doch wir fühlen uns wahrhaft königlich, als wir auf unseren Drahteseln die Waterkant entlang weiter ostwärts rollen. Mit jedem Kilometer weitet sich die Flensburger Förde mehr zur offenen Ostsee. Wir überqueren die Schlei und erreichen das wunderschöne Schwansen. In Schönhagen herrscht fröhliches Strandleben. Urlauber strecken ihr Gesicht der warmen Frühlingssonne entgegen, ein paar Mutige laufen sogar barfuß durchs Wasser. Wir spazieren am Strand entlang bis zur Steilküste.

Mit etwas Glück kann man hier sogar Fossilien oder Bernstein finden, erfahren wir später auf einer geologischen Strandwanderung. Auch die verschiedenen Gesteine und Sandschichten weiß unser Führer durch die Erdgeschichte zu deuten. Er berichtet von der Entstehung Schleswig-Holsteins während der Eiszeit und der Entwicklung der heutigen Küstenlandschaft. Versteinerte Seeigel finden wir am Steilufer zwar leider nicht, dafür aber sehen wir interessiert einigen sehr erfolgreichen Küstenanglern zu. Unser sonniges Plätzchen im Windschatten, an dem wir uns vom gleichförmigen Wellenrauschen einlullen lassen, ist hierzu genau der richtige Ort.


Norddeutschlands Alpen

Noch einen Tag Rauschen, Ruhe, Radelpause, dann geht es auf dem Ostseeküsten-Radweg weiter bis Eckernförde. Wir werfen einen letzten Blick auf die Ostsee, deren Blau sich im Endlosen verliert. Wann wir wohl das nächste Mal so weit gucken können? Lang müssen wir nicht warten, denn schon bald erreichen wir die „norddeutschen Alpen“, wie der Naturpark Hüttener Berge gern genannt wird. Kilometerweit können wir vom fast 100 Meter hohen Aschberg über grüne Baumwipfel und Wiesen, Rapsfelder und Seen blicken.

Für ans Flachland gewohnte Fahrradfahrer wie uns stellt die hügelige Moränenlandschaft eine echte Herausforderung dar. Ein Stück weit folgen wir dem historischen Ochsenweg, der sich auf einer Länge von etwa 500 Kilometern durch Schleswig-Holsteins Binnenland zieht. Wo früher Händler, Ochsentreiber, Soldaten und Pilger von der Küste zur Elbe oder in umgekehrter Richtung zogen, radelt oder wandert man heute zum reinen Vergnügen auf ausgeschilderten Wegen. Bis zu unserem Ausgangspunkt Wedel könnten wir dem Ochsenweg nun folgen, doch wir möchten noch einen Abstecher in die Holsteinische Schweiz unternehmen.

Beflügelnd: Der Geist von Malente

Hier gibt es alles, was wir Stadtbewohner uns oft wünschen: ausgedehnte Wälder, zahlreiche Seen und Flüsse, eine üppige Flora und Fauna – und viele Gelegenheiten, den Blick ungehindert in die Ferne schweifen zu lassen. Die Voraussetzungen für Wanderungen, Kanutouren und andere Aktivitäten in der Natur sind also bestens. Wir wollen Norddeutschlands ersten Nordic Fitness Park ausprobieren, der sich rund um Bad Malente erstreckt. Unter fachkundiger Anleitung und mit einer exzellenten Leihausrüstung lassen wir uns einweisen in die Kunst der korrekten Koordination von Bein-, Arm- und Stockbewegungen. Anfangs müssen wir uns ziemlich konzentrieren, um unsere Gliedmaßen nicht zu verheddern, aber mit jedem Schritt läuft es besser.

Jede Menge Platz zum schwungvollen Ausschreiten und wunderbare Ausblicke auf Keller- und Dieksee gibt es reichlich auf den verschiedenen Routen durch die Wald- und Wasserlandschaft. Wir können gut verstehen, warum die Deutsche Nationalmannschaft schon mehrfach ausgerechnet hier ihr Trainingslager aufschlug – auch 1974 und 1990, bevor sie den Weltmeistertitel errang. Vom „Geist von Malente“ beflügelt, machen wir uns schließlich gut gelaunt auf den Heimweg. Hamburg liegt irgendwo vor uns, herrliche bewegungsreiche Tage liegen hinter uns. Mehr als einmal fanden wir, wonach wir gesucht hatten: wunderbar weite Landschaften, so weit das Auge reicht.

Text: Christiane Polus